Gut gelaunt
Und angesoffen
Geh ich heute
Auf's Konzert
Hör da Bands zu
Die sehr gut sind
Und ziemlich
Unbekannt
Selbst die Frauen hier
Küssen besser
Und sind nicht so
Arrogant
- (Oma Hans, 0832, Trapperfieber)
Hamburg mitten im Juli, 15:00. Freitag. Draußen ist es so dunkel, dass es drinnen die Sparbirne glüht als sei es Hamburg, Freitag, mitten im November, gegen Abend. Ein Tag zum Abfackeln. Öde und letzte Chance: Heute könnte ein Paket ankommen: Platten bestellt beim Mailorder. Nichts. Nichts. Nichts. Nichts passiert, ich schau im Briefkasten nach und finde einen Benachrichtigungszettel vom Vortag ….
… wie konnte das passieren? Unachtsamkeit ist ein grausamer Feind. Nützt ja nix und nix wie rein in die Jogginghose, denn das Paket steht zur Abholung bereit. Dachte nicht, dass ich mich heute noch aufraffen könnte, etwas Sport zu treiben, aber nutze die Gelegenheit und laufe los, gegen den Regen, gegen die Trübnis und es funktioniert, der Kreislauf springt an, die Regentropfen im Gesicht erfrischen mich, ich wache langsam auf und merke, wie die Lethargie durch die Poren gespült wird. “Der Kampf gegen die Graue Scheisse wird wohl nie gewonnen werden können, aber es fühlt es immer noch besser an, dagegen anzukämpfen”, denke ich bei mir selbst, schäme mich kurz ob des bescheidenen Pathos dieser schwachsinnigen Gedanken und lache dann darüber, schmiede Pläne für den Abend: Wein, Musik und ein gutes Buch. Trainieren. Oder Freunde besuchen. Gute Sachen alles. Mein Blick fällt auf ein Plakat. Zwischen Rammstein “Made in Germany” und dem Quatsch Comedy Scheiss wirbt ein Veranstalter damit, dass die einzige Clubshow der Hardcore-Kapelle Ignite 2011 in Deutschland in der Großen Freiheit 36 stattfindet. Es wird ganz groß aufgetischt, mit anschließender Aftershowparty, in der Konzertbesucher freien Eintritt haben, Special Guest und allem Drum und Dran für “sehr faire 16 € im VVK” …
… wie konnte das passieren? Wusste gar nicht, dass die mittlerweile so dick im Geschäft sind, in so einem Scheiss-Schuppen aufzutreten? Es ist wahrlich keine Katastrophe, wenn für eine Hardcore-Band, die eine lange und anstrengende Tour auf sich nimmt, auch finanziell etwas herausspringen soll. Reich wird damit sowieso keine_r aus diesem Genre und DIY-Selbstausbeutung ist zwar ein edles Ideal, aber eben auch nicht immer lebenswert. Ebenso ist es albern, eine Kennziffer festzulegen, ob und wann eine Band zu kommerziell “geworden” ist und zeugt auch von einem sehr mangelhaften Kapitalismus-Verständnis. Alles unter 7 € ist ok? Kein Konzert über 130 Personen (Hunde ausgenommen)? Alles bullshit, alles egal. Entscheidend ist der Zeitpunkt, in dem Quantität in Qualität umschlägt. Wenn ein Konzert zum Event wird, wenn Teilnehmer_innen zur Kulisse degradiert werden und man sich für sehr faire 16 € im VVK rundherum bespassen und abmelken lässt, Klischee-Kietz-Scheisse inklusive, in einem Schuppen, in dem sonst Schlagerspacken Sangria in Eimern trinken, ja dann gilt es, den Mittelfinger rauszuholen. Hier schlägt etwas ganz fies ins Gegenteil um. Ein gutes Konzert kann immer, peinlichem Subkulturgehabe zum Trotz, ein Nadelstich gegen die Gesamtscheisse sein, ein Hauch frische Luft gegen die fast alles erstickende Verpestung des unaufhaltsam vereinnahmenden Kapitalismus. Diese frische Luft ist lebensnotwendig. Aber es kann auch, wie in diesem Fall, ins Gegenteil umwschingen. Weitaus fataler als ein handelsübliches Marianne Rosenberg-Konzert sind eben jene Konzerte, die vom Charakter mit diesem identisch sind, aber für das Gegenteil gehalten werden. Dann ist die “Alternative” zu dem unerträglich Rock/Pop/Mist keine Alternative zum kapitalistischen Einheitsbrei mehr, sondern mit ihm identisch. Dann ist der Besuch des Konzert und die Ausbeutung der Arbeitskraft das Gleiche. Produktion. Reproduktion. Dann wird auch klar, warum Ignite 20 cm neben Rammstein plakatiert wird.
Die Frau am Postschalter war sehr freundlich, aber da ich nicht zu den einfältigen Trotteln gehöre, die sich tatsächlich über den Grad der Freundlichkeit von Dienstleistern auslasse, laufe ich fix nach Hause und lege die erste Platte auf den Teller und drücke auf Play. Die Platte beginnt sich zu drehen, für einen kurzen letzten Moment unbespielt, und die Nadel senkt sich langsam auf’s Vinyl, findet die Rille und das Knistern beginnt. Noch ein, zwei Drehungen und dann beginnt das erste Lied …
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